Textatelier
BLOG vom: 11.06.2012

Biberstein und Aarau: Baufieber mit seinen Halluzinationen

Autor: Walter Hess, Publizist, Biberstein AG/CH (Textatelier.com)
 
„Aarau hat ein Schlössli, Biberstein aber ein richtiges, wuchtiges Schloss“. Also sprach der ehemalige Bibersteiner Schlossvorsteher und Alt-Grossrat Daniel Noser im Schosse der Bürgerlichen Vereinigung Biberstein (BVB), auf gegebene Verhältnismässigkeiten aufmerksam machend. Die BVB hatte ihre Orientierungsversammlung vom 06.06.2012 nach Aarau verlegt und mit einem Besuch von Orten verbunden, die für die Stadtentwicklung bezeichnend sind. Ein gewisses Chaos bei diesem Wachsen im Wandel war durchaus auszumachen. Eine Stadt sei nur lebendig, wenn sie sich ständig wandle und erneuere, sagte der Architekt Gian Battista Castellani, der die Führung übernommen hatte und als Aarauer Baukommissionsmitglied über ausgezeichnete Detailkenntnisse verfügt.
 
Für einmal musste man nicht den Kopf verrenken, um den wirklich schönen Giebeln in der Aarauer Altstadt die Referenz zu erweisen. Die Exkursion begann im weniger bekannten romantischen Stadthöfli, wo gerade eine Fassade restauriert worden war, und führte anschliessend an einen allgemein bekannten Brennpunkt: zur Baustelle beim Stadtmuseum Schlössli, das durch einen Erweiterungsbau vergrössert werden soll und wo vor allem das Fällen eines Mammutbaums für Aufregung gesorgt hatte. Der Architektenwettbewerb hatte den östlich angrenzenden kleinen Park als Standort für den Neubau vorgeschrieben; doch die Basler Architekten Diener & Diener schlugen gleich einen Anbau ans Schlössli vor, der aareseitig bis an die Fassade des Hauses „Münz“ reicht, dessen obere Fenster bereits mit Backsteinen zugemauert sind. Sie planten also ausserhalb des Planungsperimeters. Dieses Projekt erhielt den 1. Preis, und die übrigen Architekturbüros, die sich an die Wettbewerbsvorgaben gehalten hatten, waren brüskiert. Stichwort: Chaos. Das Schlössli sieht dann nicht mehr wie ein Turm mit schlankem Anbau, sondern wie eine klobig geratene Kirche aus.
 
Auch der Schlossplatz vor dem Saalbau (heute: Kultur- und Kongresshaus KUK geheissen) und die Remise, diese als zudienender Bau, sollen neu gestaltet werden.
 
Dichter und Stadtbauer
Vorschriften, Wünsche und divergierende Ansichten begleiten das Bauen und Umbauen, das dann eben zu einem Kompromiss werden muss. Eine wichtige Zielvorgabe des heutigen Bauens ist die Verdichtung, weil der Platz allmählich knapp wird. Früher konnte man sich in Aarau noch rückwärtige Gärten leisten, die bis an die Aare hinunter reichten, so etwa im Umfeld der fassadenbegrünten ehemaligen Täfelifabrik am Freihofweg; jetzt sind die Bodenpreise so hoch, dass sich ein innerstädtischer Anbau von Kopfsalat und Rüebli nicht mehr lohnt. Energieoptimierte Eigentumswohnungen dringen ins Zentrum vor, bis in die Nähe des neuen, rund 200 m langen Bahnhofs Aarau, auch wenn das Bedürfnis nach Ruhe in jenem belebten Gebiet nicht vollständig abzudecken ist. Stichwort: Kompromisse.
 
Das Haus mit den Riesensäulen
Aarau ist reich an historischer Bausubstanz wie dem Säulenhaus an der Laurenzenvorstadt. Dieses ausgefallene Gebäude besitzt eine Tempelfront mit 4 meiner Ansicht nach masslos überdimensionierten Säulen, die ein kleines Giebeldreieck tragen, das auf einem Stützbalken (Architrav) dahindöst. Der Giebel war wie auch die Säulen anfänglich bunt bemalt, wahrscheinlich von Schülern. Das originelle Gebäude wurde in den Jahren 1836/39 erbaut und seither mehrfach renoviert. Jetzt ist das Walmdach über dem Kniestock wieder mit Schieferplatten gedeckt. Der Park wurde etwas ausgelichtet, damit das Gebäude überhaupt gesehen werden kann. Die Ermordung eines Mammutbaums und anderer Baumgestalten ging hier fast unbemerkt, protestlos über die Bühne.
 
Das im Wesentlichen klassizistische Säulenhaus ist heute im Eigentum des Kantons Aargau. Im Moment residiert das Kommando der Felddivision 5 darin, eine der tragenden Säulen schweizerischer Wehrbereitschaft im Interesse der Neutralität und Unabhängigkeit.
 
Der Bahnhof und sein Untergrund
Wie ein spiegelnder Riegel schliesst der neue Bahnhof die Alt-Aarau-Bauten ab. Der Bahnhof wurde derart grosszügig gebaut, dass bis heute noch nicht alle seine Räume vermietet werden konnten. Erst wenn alles belegt sein wird, kommt der Bau des letzten Drittels an die Reihe. Das Gebäude wird dann 300 m lang sein, wie ein ausgewachsener Zug.
 
Berühmt ist der neue Bahnhof wegen seiner rekordverdächtig grossen Uhr, die nachts nicht beleuchtet ist, auf dass dann dem Glücklichen keine Stunde schlage. Der Durchmesser dieser Jumbo-Uhr ist immerhin noch etwas kleiner als das Wasserrad in den Meyer-Stollen, die vor etwa 200 Jahren im Auftrag des Seidenbandfabrikanten Johann Rudolf Meyer Sohn zum Teil direkt dort, wo der jetzige Bahnhof ist, angelegt worden sind, ohne Baubewilligung übrigens, weil die politische Situation damals ohnehin chaotisch war. Im Stollensystem wurde das Wasser für die Färberei gesammelt und als Energiequelle genutzt.
 
Architekt Castellani führte uns hinunter zum unteren Ende der Bahnhof-Fundamente, 3 Etagen tief, wo auf gleicher Höhe die Meyer-Stollen sind. Er hatte einen Schlüssel bei sich, verhalf der BVB zu einer kurzen, rudimentären Besichtigung. Wir sahen, wie sich die Bahnhofbauer bemühten, die Sandstein-Stollen zugänglich zu machen, die sich weit nach Norden hinziehen. In diesem von Betonelementen umgarnten „Aufschluss Meyerstollen“ wird ein Stück der frühindustriellen Vergangenheit von Aarau erlebbar. Das höhlenartige Industriedenkmal ist informativ beschriftet und wird mit allerhand Animationen zu elektronischem Leben erweckt.
 
Wir tauchten dann wieder auf, begaben uns zur Bahnhofstrasse, die einst eine Römerstrasse war, steuerten die Reithalle am Apfelhausenweg am Rande des Kasernenareals an, die lange unbenützt herumgestanden hatte, worin gerade die „Käserei in der Vehfreude“ nach dem 1850 erschienenen Roman von Jeremias Gotthelf aufgeführt wurde. Durch die Wand drang ein Geräusch, das von einer heftigen Auseinandersetzung stammen musste – nach Emmentaler (bzw. Aarauer) Wildwest-Manier.
 
Antipasti im Panini
BVB-Präsident Markus Schlienger hatte an alles gedacht, auch an Käse (Mozzarella ersetzte den Emmentaler) und Hungergefühle. So lud er ins „Panini“ an der Laurenzentorgasse ein, wo Antipasti wie eingelegte, getrocknete Tomaten, gefüllte Oliven, Paprikasalami und Piadini (frisches Fladenbrot) mit einem opulenten italienischen Roten hinuntergespült wurden.
 
Das teure Bibersteiner Schulhaus
Doch war noch etwelche Schwerarbeit im Hinblick auf die Bibersteiner Gemeindeversammlung vom 15.06.2012 zu leisten. Im Zentrum des Geschehens werden ein Projektierungskredit über 580 000 CHF für die „Schulraumerweiterung und die energetische Sanierung der Turnhalle und den Hochwasserschutz“ und ein weiterer Projektierungskredit über 110 000 CHF für den (optionalen) Neubau eines Mehrzweckraums stehen. Insgesamt werden, falls die beide zwar zusammenhängenden, aber auch einzeln zu verwirklichenden Anlagen das Stimmvolk zu überzeugen vermögen, Baukosten von 10,335 Mio. CHF ausgelöst, was den Steuerfuss in die Höhe treiben wird (für den Mehrzweckraum sind 1,2 Mio. CHF veranschlagt). Ein Generationenprojekt. Schulpflege-Mitglied Willi Wenger orientierte ausgewogen über das Vorhaben. Er sagte, dass Biberstein bei einer Einwohnerzahl von 1400 bis 1500 (heute: 1448) sein Baugebiet ausgeschöpft habe und nach allen planerischen Berechnungen nie mehr als 100 Schüler auszubilden haben wird.
 
Die umstrittenen Tagesstrukturen
In der Diskussion wies ein Vereinigungsmitglied auf fehlende Proportionen hin: Soviel Geld für so wenige Schüler! Ich erkundige mich, wie viel von den Millionenaufwendungen für das angeblich bereits „abgespeckte Projekt“ auf die sogenannten Tagesstrukturen (Hütedienst von Kindern von berufstätigen Eltern) entfallen würden. Eine solche Kinderbetreuung über den Mittag gibt es in Biberstein bereits auf freiwilliger Basis, das heisst, im Doppel berufstätige Eltern haben sich zu einer Art Selbsthilfegruppe zusammengefunden, denn es ist ja unvorstellbar, dass der kleine Kevin im zarten Alter von 6 Jahren selber kochen und allein essen muss. Dies ist wohl die sympathischste aller denkbaren Lösungen; sich selber überlassene Kinder will ja auch wirklich niemand. Nun aber soll die Kinderbetreuung, dem internationalen Trend folgend, „professionalisiert“ werden. Der Mittagstisch-Millionenmarkt mit vorfabrizierten Beutelmenus für Kinder boomt anderweitig bereits.
 
Zu denTagesstrukturen, welch die Auflösung der Institution Familie vorantreiben, ist an der gleichen „Gmeid“ über ein neues Reglement über die Tagesstrukturen zu befinden, die vorerst freiwillig sein sollen. Die noch nicht definierten Elternbeiträge sollen je nach Steueraufkommen zu- oder abnehmen, also mit einer sozialen Komponente verbunden sein.
 
Im Untergeschoss des neuen Schulhauses sind entsprechende Einrichtungen vorgesehen. Da noch keine Projektdetails bekannt sind, ist darüber nur wenig zu sagen.
 
Eine Teilnehmerin sagte, für eine Gemeinde lohne es sich wegen der Steuererträge sehr, wenn beide Eltern berufstätig sein könnten. Ich erwiderte, dass es in solchen Fällen doch in erster Linie ums Wohl der Kinder und weniger um die Steuererträge gehe.
 
Nebenbei: Die Erfahrungen mit dem Outsourcen der Kinder hat in Schweden zu miserablen Ergebnissen geführt. In jenem Sozialstaat sind alle Frauen praktisch gezwungen, berufstätig zu sein, wenn sie gesellschaftlich akzeptiert sein wollen. Und die Entfremdung zwischen Mutter und Kind wirkt sich vor allem in der Pubertät verheerend aus. Frauen, bei denen die Berufskarriere im Vordergrund steht und die keinen Mann haben, der gern den häuslichen Herd betreut, sollten besser auf Kinder verzichten. Skeptiker sprechen von „Ego-Mamas“ und „Karriere-Müttern“. Doch wird, wer das tut, sogleich ins Lager der Ewiggestrigen abgeschoben, wo ich mich gelegentlich ganz wohl fühle.
 
Fazit
Aarau und Biberstein: Die Hauptstadt und die Wohngemeinde am Südfuss des Juras hegen keine Fusionsgedanken, zuallerletzt Biberstein. Und es ist auch unter diesem Aspekt richtig, dass Biberstein seine eigene Ausbildungsstätte für Schüler hat. Die selbstbewusste Gemeinde kann sich das leisten. Die Frage dreht sich auch hier wie immer darum, ob das Wünschbare nicht besser auf das unbedingt Nötige zurückgestutzt werden soll. Zeiten und Auffassungen ändern sich. Und die an der BVB-Versammlung aufgeworfene Frage, ob das neue Projekt wohl dauerhafter sein werde als die bestehende Schulanlage aus den 1960er-Jahren, die 1989 erweitert wurde, liess sich nicht beantworten. Die Erweiterungsbauten sollen laut dem Siegerprojekt der Oeschger Architekten AG, Hausen AG, abgerissen und die älteren Bauten erweitert werden.
 
„Auf Auen wandeln wir“, hiess das Siegerprojekt ursprünglich, jetzt „Neue Idee“. Man wandert also nicht auf den Auen, die ganz in der Nähe von Biberstein, aareauf- und -abwärts neu entstanden sind, sondern man wandelt, suchte und sucht eine neue Form, neue Ideen.
 
Und weil die Tage nicht ausreichen – es war im Verlaufe der BVB-Versammlung später Abend geworden –, wird man oft zum Nachtwandler und muss es hinnehmen, dass die Fernsicht etwas verschwommen ist.
 
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